Erkundungsfahrt vom 10. bis 18. April 2010
Unser Verein war in der Zeit vom 10. bis 18. April 2010 in seinem Projektgebiet, dem weißrussischen Landkreis Tscherikow, unterwegs.
An Bord des vereinseigenen Kleinbusses ins 2200 Kilometer von Bad Homburg entfernte Tscherikow waren Ute Hansmann, Stephanie und Michael Grüning sowie Bernd Ehmler. Ziel unserer Reise war es, die im November letzten Jahres angesetzte Weihnachtsaktion für Galina Samalotowa und Natascha Soffin umzusetzen, die Intensität der Radioaktivität aktuell festzustellen, Patenkinder zu besuchen, Kinder für den diesjährigen Erholungsaufenthalt nach Bad Homburg einzuladen, neue Kinder aus bedürftigen Familien in unser Patenschaftsprojekt aufzunehmen sowie Gespräche mit der Schulrätin, mit Schulleitern von Dorfschulen und der Leiterin des Waisenhauses in Tscherikow, das zentrale Anlaufstation unseres Vereins ist, zu führen. Vier Fahrer im Kleinbus, das bedeutete abgesehen von Tank- und Rast-Aufenthalten, eine Non-Stopfahrt nach Tscherikow, das in 32 Stunden erreicht wurde. Vor Ort angekommen, wurden wir von unseren Gastfamilien auf das herzlichste begrüßt und aufgenommen. Aufgrund der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung stand, haben wir sofort unsere Tätigkeiten aufgenommen.
Zunächst möchte ich die Umsetzung der Weihnachtsaktion beschreiben. Viele Leser dieser Zeitung hatten seinerzeit speziell für diese von unserem Verein angesetzte Aktion Gelder gespendet.
Galina Samalotowa wohnt mit ihrer schwerstbehinderten Tochter Nastja in einem Holzhaus in Tscherikow ohne Wasseranschluss. Mit im Haus wohnt ihre Mutter, die sterben möchte, und der Vater, der sehr gebrechlich ist. Galina versorgt alle Drei alleine, eine staatliche Unterstützung und Form von pflegerischer Hilfe gibt es für sie nicht.
Im Rahmen der Weihnachtsaktion hatten wir Galina versprochen, eine Wasserleitung legen zu lassen und ihr eine Waschmaschine zu besorgen. Bislang hatte Galina die Wäsche der Familie mit einem Waschbrett in einer Zinkwanne gereinigt. Das Wasser dazu hatte sie zuvor am nächstgelegenen Brunnen geholt.
Galina konnte es kaum fassen, als wir Vier vor ihrer Tür stehen und sagen: „Hallo, Galina, komm, wir wollen eine Waschmaschine für dich kaufen.“ Galina sitzt ein wenig ungläubig in unserem Bus, als wir mit ihr zum Fachgeschäft fahren. Mit dabei ist auch unsere Dolmetscherin Tatjana und unsere Mitarbeiterin aus Veremejki, Wala Baranowa. Zusammen mit unseren beiden Damen aus Bad Homburg wird Galina beraten, welche Waschmaschine für sie geeignet wäre. Schnell ist das passende Gerät gefunden. Bei der Bezahlung wird uns versichert, dass das Gerät schnellstmöglich in Galinas Haus geliefert wird. Zwei Tage später ist die Waschmaschine bei Galina angekommen. Als sie für unseren Verein die Waschmaschine quittiert, übermannt die tapfere Galina ein Gefühlsausbruch: „Ich bin ganz alleine auf mich gestellt“, weint sie hemmungslos. Auch Dolmetscherin Tatjana hat in diesem Moment einen Gefühlsausbruch und übersetzt neben mir mit weinerliche Stimme. „Niemand hilft mir. Es ist so schwer mit Nastja; meine Eltern können auch nicht mehr. Nur ihr aus Bad Homburg steht mir zur Seite. Ich weiß nicht, wie ich euch danken soll!“
Wala hatte zusammen mit Galina im Vorfeld den Zeitrahmen für die Legung der Zu- und Abwasserleitung besprochen. Seit dem 22. April liegt die Wasserleitung, die Waschmaschine ist angeschlossen. Zudem hat Galina sich von zurückgelassenen Vereinsgeldern eine Edelstahlspüle und eine Armatur gekauft. „Alles funktioniert wunderbar“, bestätigte Wala noch am gleichen Tag. „Ihr glaubt gar nicht, wie glücklich Galina ist!“ In der Tat: Der Wasseranschluss und die Waschmaschine bedeuten für sie eine Steigerung ihrer Lebensqualität, die dank vieler Spender zustande gekommen ist. Die Wasserleitung wurde Ende April verlegt und die Waschmaschine funktioniert.
Natascha Soffin lebt zusammen mit ihrem Mann Michail und ihren drei Kindern Igor, Vadim und Dascha im Dorf Lubanovka in einer erbärmlichen Hütte ohne Fenster. Die einzelnen, dunklen Räume sind durch Tücher abgeteilt. Ihr Mann war lange Zeit in Russland auf Arbeitssuche, niemand wusste monatelang, wo er war. Doch nun ist er wieder Zuhause bei seiner Familie.
Die 29-jährige Natascha ist erfreut, uns zu sehen. Es gibt viel Erfreuliches zu erzählen. Sie bittet uns in ihr Haus, das wir nur in gebückter Haltung betreten können; der Querbalken des Eingangs ist sehr niedrig.
Durch die Intervention unseres Vereins wird Natascha mit ihrer Familie im Herbst in ein anderes, wesentlich besseres Haus mit Fenstern in Lubanovka einziehen. In diesem Zusammenhang war es auch möglich, dass Natascha und ihr Mann Michail (35) einen Arbeitsplatz in einer nahegelegenen Kolchose bekommen haben. Das ist insofern bemerkenswert, dass gerade auf den Dörfern des
Landkreises Tscherikow die Arbeitlosenquote bei über 70 Prozent liegt. Natascha und Michail waren bislang arbeitslos und man kann sich vorstellen, wie sich diese Nachricht moralisch und seelisch auf die beiden ausgewirkt hat. Die Familie hat wieder eine Perspektive und schaut positiv in die Zukunft. Darüber hinaus haben wir Nataschas Söhne Igor und Vadim nach Bad Homburg zum Erholungsaufenthalt eingeladen; Dascha ist noch zu jung, sie wird nächstes Jahr kommen.
Die Lage der Menschen Landkreis Tscherikow ist trostloser geworden. Die Selbstmordrate steigt stetig, vor allem die der Kinder! Perspektivlosigkeit und Hoffnungslosigkeit der Menschen sind die Gründe. „Die Moral vieler Menschen hier ist gleich Null“ berichtet uns die Leiterin des Waisenhauses, Swetlana Prozenko. Das Waisenhaus in Tscherikow, das zentrale Anlaufstelle des Vereins ist, war zum Zeitpunkt unseres Besuchs bis auf den letzten Platz mit Kindern belegt, die allesamt aus unfassbaren Verhältnissen stammen. 62 Kinder aus 38 Familien waren zum Zeitpunkt unseres Aufenthalts dort untergebracht.
Dass die Selbstmordrate der Kinder stetig steigt, macht uns sehr betroffen. „Wie viele Kinder sind es?“, möchte ich von Swetlana wissen. „Das möchte ich Dir nicht sagen, weil das eine sehr psychologische Frage ist“, antwortet Swetlana. „Es interessiert nicht nur mich, sondern auch unseren Verein und ist für unsere Arbeit wichtig“, antworte ich. Swetlana schaut mich kurz an und sagt: „Im März…“, dreht sich dabei um, hebt ihre Hand und zeigt mir ihre fünf Finger. „Fünf Kinder allein im Monat März?“, frage ich nach.
„Da – ja“, sagt sie. „Auf welche Art und Weise bringen sich um Gottes Willen Kinder um“, frage ich erschrocken weiter. „Sie hängen sich auf“, sagt Swetlana. „Die Kinder sind so verzweifelt“, sprudelt es nun aus der Waisenhausleiterin heraus. „Viele Eltern kümmern sich nicht mehr um ihre Kinder. Sie lassen sie verwahrlosen, geben ihnen nichts zu essen und schlagen sie, weil viele Eltern denken, dass die Kinder schuld sind, dass es der Familie schlecht geht!“ Wie es bei einer Familie zugeht, die kurz davor steht, dass die Kinder ins Waisenhaus kommen, haben wir wenig später miterleben können
Einige der Kinder im Waisenhaus wirkten apathisch. Viele fingen an zu zittern, wenn wir sie nach ihrem familiären Umfeld fragten. So der elfjährige Juri, der mit seiner siebenjährigen Schwester Jana seit Februar im Waisenhaus ist. „Wieviele Geschwister hast Du?“, fragt ihn der 1. Vorsitzende des Vereins, Michael Grüning. „Ich bin mit meiner Schwester Jana hier, habe aber noch mehrere Brüder und Schwestern. Ich weiß aber nicht wie viel es sind“, antwortet Juri.
Zusammen mit Swetlana Prozenko haben wir eine „problematische“ Familie besucht, deren Kinder wir eigentlich in unser Patenschaftsprojekt aufnehmen wollten. Das Familienoberhaupt der achtköpfigen Familie ist strengläubiger Baptist. In der sechswöchigen Fastenzeit vor Ostern hat er seinen sechs verwahrlost wirkenden Kindern nichts zu essen gegeben, sodass sie zeitweise im Waisenhaus untergebracht werden mussten. Der Familienvater ist davon überzeugt, dass sein Schicksal Gottes Wille ist und er lehnt es ab, Hilfe aus Bad Homburg
anzunehmen, geschweige zuzustimmen, dass einige seiner Kinder nach Bad Homburg zum Erholungsaufenthalt kommen können. „Gott hat uns diesen Platz hier zugewiesen und ich werde ihm gehorchen“, so die Meinung des Mannes, der kurz davor steht, dass seine Kinder wieder ins Waisenhaus kommen, denn vor Ort haben wir festgestellt, dass sich kaum etwas Essbares im Haus befand. Während der Vater sprach, haben sich einige Kinder versteckt; die Mutter hat an sie gerichtete Fragen nicht beantwortet, zu Boden geblickt und geschwiegen.
In diesem Zusammenhang ist der Anbau am Waisenhaus für unseren Verein von großer Bedeutung. In diesem Gebäude, dass mit Spendengeldern saniert wird, soll unter anderem ein Psychologisches Zentrum untergebracht werden, in dem „problematische Familien“ und Familien, die sozial ins Abseits gerutscht sind, wieder auf den „richtigen Weg“ gebracht werden. Geleitet wird diese Abteilung durch geschultes Personal. Dass diese Mitarbeiter ihre schwierige Aufgabe mit aller Ernsthaftigkeit durchführen können, davon konnten wir uns selbst überzeugen. Deshalb soll der Innenausbau des Gebäudes, der sich noch im Rohzustand befindet, schnellstmöglich fertiggestellt werden, damit das Psychologische Zentrum seine wichtige Arbeit aufnehmen kann, damit auch verhindert wird, dass sich sich vor allem so viele Kinder aus Verzweiflung das Leben nehmen. Dieses Vorhaben will unser Verein tatkräftig unterstützen und dafür weitere Spendengelder sammlen. Im Herbst soll das Gebäude seiner Bestimmung übergeben werden. (Bilder vom Anbau können Sie hier sehen.)
Trotz allem: Zehn Kinder aus sozial schwachen Familien konnten wir bei unserer Reise neu in das Patenschaftsprojekt aufnehmen. Die entsprechenden Familien haben dem freudig zugestimmt. Diese Familien schöpfen wieder ein wenig Hoffnung auf die Zukunft. 21 Kinder aus dem Landkreis Tscherikow haben wir zur Kinderfreizeit vom 11. Juli bis 1. August nach Bad Homburg eingeladen. Viele Patenkinder und deren Familien haben wir besucht. Die Freude war jedes Mal riesengroß. In den Dorfschulen von Sokolowka und Lubanovka saßen viele Schüler auf den Schulmöbeln, die unser Verein vor einem Jahr im Rahmen seines Hilfstransports nach Tscherikow geliefert hatte. So konnten wir feststellen, dass unsere ehrenamtliche Arbeit in der Tschernobylregion um Tscherikow durchaus Früchte trägt: „Die Leute aus Bad Homburg sind da – sie haben uns nicht vergessen!“, ging es wie ein Lauffeuer um.
Am zweiten Tagunseres Aufenthalts im Landkreis Tscherikow war Feiertag in Weißrussland: Es wurde am Totengedenktag der Verstorbenen gedacht und mit ihnen gefeiert! Ja – richtig – gefeiert! Es wurden Biertisch-Garnituren auf die Friedhöfe gebracht und Tischdecken auf den Gräbern ausgebreitet. Darauf wurde Brot, Obst und ein Glas Wodka für den Verstorbenen gestellt, damit er mit den Angehörigen mitfeiern kann. Nachdem der orthodoxe Priester auf dem Friedhof die Gräber gesegnet hatte, war Party- und Picknickstimmung an den Gräbern angesagt.
Zu den Friedhöfen in den stark radioaktiven Gebieten, die in Sperrzonen liegen, fahren an diesem Tag Sonderbusse. Die Reisenden haben nur an diesem einzigen Tag im Jahr die Möglichkeit, ihre verstorbenen Angehörigen zu besuchen – und das für maximal 30 Minuten. Der Busfahrer drückt nach diesem Zeitraum energisch auf die Hupe zum Zeichen des Aufbruchs. 30 Minuten Zeit für die
verstorbenen Angehörigen, mehr darf nicht sein, um nicht ernsthafte gesundheitliche Schäden durch die immer noch hohe radioaktive Aktivität 24 Jahre nach dem GAU von Tschernobyl davonzutragen.
Dier Ortschaft Verpryn nahe Tscherikow liegt in solch einer Sperrzone. Ich war das letzte Mal vor viereinhalb Jahren dort. Damals standen noch viele Holzhäuser in dieser Ortschaft, im Ortskern befanden sich auch einige massive Häuser aus Stein, an denen überall Schilder angebracht waren, die auf die Radioaktivität hinweisen. Der Friedhof mit fast allen Bewohnern von Verpryn befindet sich direkt am Ortseingang. Am neu errichteten Tschernobyl-Denkmal in Tscherikow sind 25 Gedenktafeln für Ortschaften im Landkreis Tscherikow aufgestellt, die der Reaktorkatastrophe zum Opfer fielen – mit Angabe der Anzahl der menschlichen Opfer. Auch Verpryn ist mit einer Gedenktafel an diesem Denkmal vertreten. Dennoch leben in diesem Gebiet heute Menschen, obwohl es eigentlich verboten ist. Sogar Landwirtschaft wird hier betrieben!
Nun fahren wir vier nach Verpryn, um zu sehen, wie die Lage dort ist. Noch vor wenigen Jahren haben hier einige Menschen gelebt, die Hilfe aus Bad Homburg erhalten hatten. Wie wir feststellen werden, lebt nun niemand mehr hier. Zumindest für sehr sehr lange Zeit nicht – endgültig und aus: Verpryn ist eins von vielen Ortschaften in dieser Region, der die Reaktorkatstrophe von Tschernobyl den Garaus gemacht hat. Ein menschliches Leben ist hier nicht mehr möglich.
Schon vor viereinhalb Jahren haben Erdhügel darauf hingewiesen, dass dort einst einmal Häuser standen. Sie sind von Bulldozern zerstört und und mit Erdreich zugedeckt worden. So entstand nach dem Friedhof für die verstorbenen Dorbewohner ein „Friedhof“ für die Häuser. Uns fällt sofort auf, dass nicht ein einziges Holzhaus mehr in Verpryn steht, die Erdhügel dafür zugenommen haben.
Die Steinhäuser stehen noch. Hier wollen wir anhalten und uns ein wenig umsehen. Der Blinker war schon gesetzt, als wir bewaffnete Miliz sehen, die durch die Dorfstraße patroulliert, damit die in der Nähe befindlichen Friedhofsbesucher nicht auf die Idee kommen, ihre radioaktiv verseuchte Heimat noch einmal in Augenschein zu nehmen. Wir fahren ans andere Ende von Verpryn und parken unseren Vereinsbus direkt an einem Warnschild. Ute Hansmann und ich gehen einige Meter durch kniehohes vertrocknetes Gras in Richtung einiger Erdhügel. Michael und Stephanie sind außer Sicht- und Rufweite, als Ute und ich am ehemaligen Fundament eines Hauses angelangt sind. In dem Wald, der sich vor Ute und mir ausbreitet, haben Schweizer Wissenschaftler einst einen Wert von über 2000 Curie gemessen. Der Grenzwert in Deutschland liegt bei 0,5 Curie in der Nähe von Atomkraftwerken…
Ute und ich wissen, dass wir uns auf nicht erlaubtem und radioaktiv hoch verstrahltem Terrain befinden. Wenige Meter weiter im einstigen Ortskern patroulliert ja die Miliz. Also, nichts wie weg aus Verpryn. Die halbe Stunde ist auch gleich um.
Am späten Nachmittag fahren wir vier mit unserer Dolmetscherin Tatjana Madudina und meinen Gastleuten Nadeschda und Nikolai an einen mystischen Ort, der „Golubaja Kriniza“ genannt wird. Er liegt nahe der russischen Grenze und ist eine Pilgerstätte für Menschen aus allen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion. In diesem „Blauen Teich“ inmitten einer völlig abgeschiedenen Landschaft, der nur über ewig lange Naturstraßen zu erreichen ist, befindet sich nach dem Glauben der Leute, ähnlich wie in Lourdes, Heiliges Wasser. Aus tiefen Quellen sprudelt das sommers wie winters vier Grad „warme“ Wasser an die Oberfläche. „Wer drei Mal durch diesen Teich schwimmt, wird nie mehr krank“, versichert Nadeschda. Sie hatte mir im letzten Sommer von diesem Ort berichtet und mir versprochen, wenn ich das nächste Mal nach Tscherikow komme, will sie mit mir diesen Ort besuchen. Am 14. August eines jeden Jahres sollen, so berichtet Nadeschda, über 30 000 Pilger bis aus der Ukraine, aus Aserbeidschan, aus Kasachstan oder auch Sibirien an diesen Ort kommen. An diesem Tag ist „Maria Himmelfahrt“. Dann schwimmen in geordneten Gruppen die Menschen durch das vier Grad kalte Wasser in der Hoffnung, gesund zu werden oder zu bleiben. An einen Ort, der ungefähr zehn Mal kleiner ist als der Hattsteinweiher bei Usingen, kommen zigtausende Menschen aus dem gesamten Gebiet der ehemaligen Sowjetunion in dem Glauben, gesund zu bleiben! Nadeschda hat ein schweres Problem mit ihrer Wirbelsäule. Eine Wucherung hat sich daran gebildet und verursacht ihr höllische Schmerzen. Eine Operation ist nicht möglich. Sie verspricht sich von diesem Wasser eine Heilung.
An einer seichten Stelle des Teichs kann man ihn auch zu Fuß durchwaten. „Das Wasser muss aber bis über die Knie gehen, sonst hat es keine Wirkung“, sagt sie, krempelt sich die Hosen hoch, uns läuft durch das Heilige Gewässer. „Bernd, bitte kommen“, fordert sie mich auf, gleiches zu tun. Unter den aufmunternden Worten meiner Vereinsfreunde krempele auch meine Hosen hoch, und tue es Nadeschda gleich. Im ersten Moment habe ich das Gefühl, das kalte Wasser „sägt“ mir die Beine ab. „Bernd, drei Mal durchlaufen“, lacht Nadeschda. Ich tue ihr unter dem Gelächter der am Ufer Stehenden den Gefallen, ohne aber an die Wirkung zu glauben. Später wird mich Nadeschda in den Arm nehmen und sich bei mir bedanken, dass ich sie in ihrem Glauben unterstützt und ihr beigestanden habe.
Dann taucht plötzlich eine Pilgerin auf. Katharina ist Anfang 50 und glaubt ebenfalls an die Wirkung des Wassers. In Bekleidung und Kopftuch geht sie schnurstracks in das Wasser, bis nur noch ihr Kopf rausschaut. Drei Mal schwimmt sie durch den Teich, ohne eine Miene zu verziehen.
Zum Abschluss haben Nikolai und Nadeschda noch Speck und Wodka mitgebracht. Zum Sonnenuntergang sitzen wir am Heiligen Wasser der „Golubaja Kriniza“ bei einem gemütlichen Picknick, zu dem sich auch Katharina in ihrem tropfenden Kleid gesellt. Ein großes Gefäß mit gerade abgefülltem Teichwasser macht die Runde. Aber nur unsere weißrussischen Begleiter und Michael nehmen einen kräftigen Schluck daraus.
Fortsetzung folgt. Sehen Sie hierzu auch die Diashow im im Untermenü "Fotos 2010"