Erkundungsfahrt vom 23 bis 30. April 2011
Fünf Tage waren Tanja und Michael Grüning von unserem Verein Ende April im Rahmen einer Erkundungsfahrt fast pausenlos in seinem Projektgebiet im weißrussischen Landkreis Tscherikow unterwegs und haben viele wichtige Dinge auf den Weg gebracht.
48 Stunden von Bad Homburg ins 2100 Kilometer entfernte Tscherikow sind eine sehr gute Zeit, die die beiden mit dem Vereinsbus benötigt haben, wenn man den 16-stündigen Grenzaufenthalt mit Kontrollen nach Weißrussland abzieht.
Der erste Weg führte ins Tscherikower Waisenhaus zu dessen Leiterin Swetlana Prozenko (Bild links: Tatjana und Michael Grüning, rechts, im Gespräch mit Swetlana Prozenko, Mitte, ihrer Stellvertreterin Swetlana Travimowa, Zweite von links, und der Krankenschwester Olga, links). Swetlana Prozenkoist direkte Ansprechpartnerin des Bad Homburger Vereins. „Bis zum Jahr 2015 will Präsident Alexander Lukaschenko alle staatlichen Waisenhäuser schließen lassen“, berichtete Swetlana Prozenko. So sollen alle alle 38 000 Waisenkinder Weißrusslands adoptiert, in Pflegefamilien oder in von Tschernobylvereinen aus aller Welt finanzierten Familienwaisenhäusern untergebracht werden. Allein im Tscherikower Waisenhaus, das meist aus allen Nähten platzt, sind bis zu 60 Kinder untergebracht. Da für diese Anzahl nicht genügend Plätze vorhanden sind, verweilen die Kinder auch im örtlichen Krankenhaus. „Unser Staat hat kein Geld mehr für seine Waisenhäuser“, vermutet Swetlana Prozenko.

Um so wichtiger ist das Gebäude gegenüber dem Waisenhaus, das der Bad Homburger Verein mit Spendengeldern derzeit sanieren lässt. In diesem 120 Quadratmeter großen Gebäude soll das Psychologische Zentrum des Waisenhauses untergebracht werden, in dem „problematische Familien“ und Familien, die sozial ins Abseits gerutscht sind, wieder auf den „richtigen Weg“ gebracht werden sollen. Zudem wird es darin ein Spiel- und Esszimmer geben. Darüber hinaus können dort sechs Kinder untergebracht werden.
Michael Grüning hat vor Ort eine Baufirma beauftragt, die sofort mit acht Personen angerückt ist, um den Innenausbau wie Böden, Decken und Türen fertigzustellen (Bild links). 15 000 Euro Spendengelder sind in 50 Millionen weißrussische Rubel eingetauscht worden. Das Geld wurde an die Schulrätin Larissa Asmalowska
im Tscherikower Rathaus übergeben, wo feierlich eine Schenkungsurkunde unterzeichnet wurde Bild links: Tatjana Grüning, links, unterzeichnet im Beisein von Waisenhausleiterin Swetlana Prozenko im Büro der Schulrätin die Schenkungsurkunde). Fünf Personen waren eifrig damit beschäftigt, die Geldscheine zu zählen. Die Baufirma rechnet dann mit dem Schulamt ab.
Insgesamt wurden vom Bad Homburger Verein bis dahin 40 000 Euro an Spendengeldern für dieses wichtige Gebäude finanziert. Für die Elektro- und Sanitärinstallation sowie für die Heizungsanlage (Fernwärme und eigener Brenner) werden weitere 12 000 Euro vom Bad Homburger Verein investiert werden. Zum Schuljahresbeginn in Weißrussland am 1. September soll das Gebäude seiner Bestimmung übergeben werden.
Voller Tatendrang ist die Baufirma ausgezogen, um sofort Material einzukaufen. Doch sie konnte im Umkreis von 120 Kilometern zunächst nur 25 Prozent des erforderlichen Materials bekommen.
Überhaupt ist das Warenangebot in Tscherikow drastisch zurückgegangen, die Preise für Waren – auch für Lebensmittel – sind deutlich gestiegen, wie Tanja und Michael Grüning festgestellt haben. Es gibt bei den Banken keine Devisen mehr zu kaufen. Mit der EC- oder Kreditkarte gibt es am Geldautomaten kein Geld mehr. „Die Leute geraten zum Teil in Panik, die Stimmung ist sehr gedrückt“, berichtet Michael Grüning.
Der 25. Jahrestag zum GAU von Tschernobyl wurde in Tscherikow sehr feierlich begangen, wie Tanja und Michael Grüning berichten. Am Tschernobyl-Denkmal in der Ortsmitte von Tscherikow haben der Bürgermeister, Gebietsvertreter und Dorfräte Reden gehalten (Bild links). An dem Denkmal befinden sich 25 Tafeln nicht mit Namen von zum Opfer gefallenen Personen, sondern mit den Ortsnamen, die die Tschernobylkatastrophe ausgelöscht hat. Allein im Landkreis Tscherikow sind 25 Dörfer und Ortschaften für immer unbewohnbar und dem Erdboden gleichgemacht worden. An jeder Tafel wurde von Personen die einst in diesem Ort, den es heute nicht mehr gibt, gelebt haben, Kränze niedergelegt. „Wir legen Kränze für unsere ‚verstorbenen Dörfer’ nieder in der Hoffnung, dass so etwas nie wieder passiert …“ so eine Rednerin mit tränenerstickter Stimme.

19 Kinder und drei Erwachsene haben Tanja und Michael Grüning zum Erholungsaufenthalt nach Bad Homburg vom 9. bis 31. Juli eingeladen. Unter den Kindern befindet sich erstmals ein Kind mit einer Behinderung. Die 14-jährige Alina aus Tscherikow kam ohne Speiseröhre zur Welt (Bild links: Alina ist rechts neben ihrer Mutter zu sehen. Mit auf dem Bild ist die Schwester und die Oma von Alina). Operativ wurde ihr eine künstliche Speiseröhre eingesetzt, die aber nicht mitwächst, wenn Alina größer wird. So muss Alina regelmäßig ins Krankenhaus, um sich die Speiseröhre anpassen zu lassen. Sie wird mit ihrer Mutter Natascha nach Bad Homburg kommen, da Alina nicht ohne persönliche Aufsicht reisen darf. Auf dem rechten Bild ist
die neunjährige Jana und die elfjährige Nadja aus dem Dorf Lubanovka zu sehen. Auch sie wurden für den Sommer nach Bad Homburg eingeladen. Als Betreuerinnen kommen zwei neue Gesichter nach Bad Homburg: Die 22-jährige Anja Doroschenko und die 26-jährige Anja Prozenko. Sie ist die Tochter der Waisenhausleiterin Swetlana Prozenko und spricht Englisch. Anja Doroschenko war bereits als Kind zu einem Erholungsaufenthalt in Bad Homburg. Heute ist sie Deutschlehrerin an der Dorfschule in Retschitza und wird auch als Dolmetscherin fungieren. Tatjana Madudina, die diese Funktion in den letzten Jahren innehatte, erwartet Mutterfreuden. „Ich freue mich sehr auf meine Aufgabe“ sagt Anja Doroschenko, „aber ich bin jetzt schon fürchterlich aufgeregt!“
Riesig haben sich die Patenkinder gefreut, als Tanja und Michael Grüning in den Dörfern sie besucht haben und ihnen kleine Geschenke und Briefe ihrer Paten aus Bad Homburg und Umgebung übergeben haben. Mit ihnen haben sich auch die Eltern gefreut, dass es Menschen „von so weit her“ gibt, die an sie denken. Das Patenschaftsprojekt des Bad Homburger Vereins ist nach anfänglicher Skepsis bei den Dorfbewohnern nun bei ihnen voll angekommen und es wird auch dort eifrig darüber berichtet. Links ist Kristina aus dem Dorf Jelowka zu sehen, die Paten in Wiesbaden hat und letztes Jahr in Bad Homburg gewesen ist.
Auch die drei schwerstbehinderten Kinder im Projekt Nastja und Olga aus Tscherikow sowie Dima aus dem Dorf Wijmotsch wurden besucht. Nastjas
Mutter Galina Samalotowa und ihre Mutter bedankten sich sogleich überschwänglich für den vom Verein letztjährig gelegten Wasseranschluss in Galinas Haus und über die Waschmaschine. „Wir danken allen Bad Homburgern, die das ermöglicht haben. Sie glauben gar nicht, welche Erleichterung das für unseren Alltag bedeutet!“ Nastja ist mit ihren elf Jahren mittlerweile doppelt so schwer wie ihre Mutter. Diese schwere Last hielt der Rollstuhl, den der Bad Homburger Verein vor vier Jahren Nastja besorgt hatte, nicht mehr aus. Er ist kaputt.
Die neunjährige Olga hat der Verein im letzten Jahr in sein Projekt aufgenommen. Ihre Muskeln wachsen nicht mit, sodass sie nicht selbstständig stehen und ihren Kopf halten kann. Tanja und Michael Grüning fanden das Kind vom Hals bis zu den Füßen eingegipst vor (Bild rechts). Eine Querstange zwischen den Oberschenkeln lässt die Beine des Kindes nur in einer V-Form im Bett liegen. Die Mutter ist stets den Tränen nahe, wenn sie so ihre Tochter sieht. „Mach Dir keine Sorgen Mama, im Sommer spielen wir draußen auf der Wiese!“, spricht Olga ihrer Mutter Trost zu. Olga benötigt ein Laufband und einen Rollstuhl. Beides wird der Verein für Olga besorgen, ebenso entsprechende Rollstühle für Nastja und den 20-jährigen schwerstbehinderten Dima Woitikow, der mit seiner verkrümmten Wirbelsäule und seinen verdrehten Füßen wie ein Klappmesser auf der Couch seiner Eltern lag (Bild links).
Bereits am 29. Mai kommt der sechsjährige Roman Potapschuk mit seiner Mutter Natascha für drei Wochen nach Bad Homburg. Die Anreise erfolgt mit dem Bus. Der Junge ist plötzlich auf dem rechten Auge erblindet. Als er vor drei Jahren in den Kindergarten Nr. 3 in Tscherikow kam, wurde dort nichts festgestellt. Die Mutter hatte alles versucht, um das Auge ihres Sohns zu retten; sie war selbst bei Augenspezialisten in der Hauptstadt Minsk. Dort sagte man ihr, dass es in Weißrussland für Roman keine Chance gebe, höchstens im Ausland. Sie solle wiederkommen, wenn Roman 18 Jahre alt ist. Dann könne man das Auge kosmetisch richten. „Mehr können wir für Ihren Sohn nicht tun“. In ihrer Not wandte sich Natascha Potapschuk an Swetlana Prozenko im Waisenhaus. „Es gibt doch in Deutschland in Bad Homburg einen Verein. Vielleicht kann er Roman helfen!“
Unser wird sich Romans annehmen und konnte den Bad Homburger Facharzt für Augenheilkunde Dr. Ulrich Schlicht gewinnen, der eine kostenfreie Voruntersuchung an Romans Auge vornehmen wird. Die weitere Vorgehensweise wird von dem Ergebnis der Untersuchung abhängen. In jedem Fall wird der Bad Homburger Verein alles versuchen dazu beizutragen, dass Roman geholfen werden kann. Darüber haben Tanja und Michael Grüning mit Romans Mutter bei ihrer Erkundungsfahrt im Tscherikower Waisenhaus gesprochen.