Erkundungsfahrt November 2011: Tschernobylkinder in Tscherikow durchleben eine neue Krise

Erkundungsfahrt November 2011Vom 12. Bis 20. November 2011 waren Michael Grüning und Bernd Ehmler von unserem Verein im weißrussischen Landkreis Tscherikow unterwegs, der heute noch, 2064 GPS-Kilometer von Bad Homburg entfernt, nach dem GAU von Tschernobyl vor 25 Jahren in einer radioaktiv hochbelasteten Zone liegt. Sinn und Zweck der weiten Reise waren vielfältig:
Es sollten alle Patenkinder, die sich im Patenschaftsprojekt des Vereins befinden, in ihren Familien besucht werden, um die Lebenssituation zu erkunden und sie zum nächsten Erholungsaufenthalt nach Bad Homburg einzuladen, dringend benötigte Medikamente und finanzielle Unterstützung für den zweieinhalbjährigen krebskranken Ilja Tscherwitsch zu übergeben, die ausschließlich mit Bad Homburger Spendengeldern errichtete Sozialstation in Tscherikow zusammen mit der stellvertretenden Bürgermeisterin einzuweihen und ihrer Bestimmung zu übergeben und um Sondierungsgespräche mit der stellvertretenden Tscherikower Bürgermeisterin, der Schulrätin und weiteren Offiziellen Gespräche zu führen mit dem Ziel, im Landkreis Tscherikow ein Familienwaisenhaus für geschundene Kinder zu errichten. Dies ist nach der Fertigstellung der Sozialstation in Tscherikow das nächste große Projekt unseres Vereins.

Deutliche Verschlechterung der Lebensbedingungen der Menschen in unserem Projektgebiet – Besuche bei den Patenkindern
AndrejNastjaDie erste Feststellung von Michael Grüning und Bernd Ehmler war, dass sich die Situation der Menschen in unserem Projektgebiet, dem Landkreis Tscherikow, dramatisch verschlechtert hat. Die wirtschaftliche Situation Weißrusslands führt dazu, dass viele Menschen das Land beziehungsweise Tscherikow verlassen, um ihr Glück in Moskau zu suchen. Jeder fünfte Tscherikower ist bereits fortgegangen. Die Inflation liegt bei über 400 Prozent, Lebensmittel und Kleidung werden unerschwinglich. Das Schlimme bei der jetzigen wirtschaftlichen Misere ist jedoch, dass auch viele Fachkräfte, vor allem Lehrer und Ärzte, Tscherikows nach Russland gehen.
AlesiaDas spürt man vor allem, wenn man die Familien in den Dörfern besucht. Da die Kinder bis zum Nachmittag Schule haben, sind sie erst ab 16 oder 17 Uhr zuhause. Und da wird es auch schon dunkel. Michael Grüning und Bernd Ehmler legten Liljajedoch großen Wert darauf, die Kinder in ihren Familien und nicht in den Schulen aufzusuchen. In den Schulen tragen sie Schulkleidung, zuhause jedoch kommt die Realität zutage.
Um in der absoluten Dunkelheit in die Dörfer zu gelangen ist nicht ohne. Von der asphaltierten Landstraße führen ausschließlich Naturwege mit tiefen Schlaglöchern durch tiefe Wälder und weite Landschaften in die Dörfer, die nichts weiter sind als eine Ansammlung armseliger Holzhütten, in denen zum Teil das Glas der Fenster fehlt. Zum Zeitpunkt des Aufenthalts herrschten bereits Temperaturen von minus sieben Grad. Eine Straßenbeleuchtung und eine Wegbegrenzung gibt es nicht. In der Dorfmitte steht eine Laterne, die schwaches Licht abgibt. Um sich besser zurechtzufinden, NadjaIrahaben Michael Grüning und Bernd Ehmler ihre Vereinsmitarbeiterin vor Ort, Wala Baranowa aus Veremejky, dabei, die jeden Weg und jedes Haus der Kinder auch in der Dunkelheit bestens kennt. Sie lotst zielsicher zu den Häusern der Kinder, die besucht werden sollen. Mit dabei haben die beiden Bad Homburger Briefe und kleine Geschenke der Paten aus Bad Homburg und Umgebung, die sie den Kindern übergeben wollen.
Freudig werden die Besucher aus dem fernen Deutschland in die armseligen Häuser gebeten. Und das meistens von der Babuschka, der Oma. In den Hütten wohnt die ganze Familie, von der Uroma bis zum Urenkel, manchmal bis zu zehn Personen in einem Raum. Oftmals sitzt der Vater teilnahmslos auf einem Hocker und starrt vor sich hin, während das oftmals verwahrlost TanjaKristinawirkende Kind uns mit jubelndem Blick erkennt und umarmt. Michael Grüning und Bernd Ehmler hatten viele Kinder von ihren Aufenthalten in Bad Homburg noch in bester Erinnerung, aber als sie nun sehen, wie sie leben, sind sie tief erschüttert.
Die glücklichen Kinderaugen haben das jedoch übertüncht. Auch wenn die Kinder manchmal in verdreckter Kleidung erschienen und ungepflegt wirkten. Wie groß war die Freude der Kinder als sie hörten, sie können im nächsten Jahr nach Bad Homburg kommen!
In den Schulen war von den Lehrern zu hören, dass die Kinder ohne Hefte und Bleistifte kommen. Die Eltern haben kein Geld mehr, um diese Sachen für ihre Kinder zu kaufen. Auch an den Schulen fehlt es an allem. Kein Kopierpapier mehr, keinen Toner für die Drucker und Kopierer, keine Sportutensilien.

Unterstützung für den zweieinhalbjährigen Ilja, der an Prostatakrebs leidet
IljaMedikamente fuer IljaEin weiteres beeindruckendes Ereignis war die Begegnung mit dem zweieinhalbjährigen Ilja Tscherwitsch (Bild links). Er leidet an Prostatakrebs. Ilja muss drei Mal die Woche in die 300 Kilometer entfernte onkologische Klinik in die Hauptstadt Minsk zur Chemotherapie. Allein das ist für die Eltern ein riesiges Problem. Erstens der Transport des schwerkranken Jungen und zweitens die Benzinkosten, die sie kaum bezahlen können.Bei der Chemotherapie in der onkologischen Klinik in Minsk erhält Ilja Kapseln, die in seinem Körper die Krebszellen bekämpfen. Der dadurch geschwächte Junge hat als Nebenwirkung unter anderem einen wunden Mundraum. Auch an der Einstichstelle für die Infusionen haben sich Entzündungen gebildet.

IljaIljaUnser Verein hat in der Tscherikower Apotheke dringend benötigte Medikamente in größerer Anzahl besorgt, um wenigstens diese Beschwerden zu lindern (Bild rechts oben: Die Apothekerin übergibt an Michael Grüning die Medikamente für Ilja). Auch Mundschutz befand sich in dem großen Medikamentenkarton und ein weiterer Wunsch der Eltern waren Feuchttücher, die für sie unerschwinglich geworden sind. Iljas Wunsch war ein Dreirad. Auch diesen haben Michael Grüning und Bernd Ehmler vor Ort dem krebskranken Jungen erfüllt. (Bild links: Freudentränen bei Ilja und seiner Mutter über das Dreirad.) In Iljas vom Krebs gezeichneten Gesicht leuchteten vor Freude die Augen auf und ein gehauchtes „Spaßiba, oh, spaßiba – Danke“ kam über seine Lippen. (Bild unten rechts: Ilja gibt Bernd Ehmler als Dankeschön einen Kuss.)

Viele Kinder werden in Pflegefamilien untergebracht
PflegemutterMarinaDurch die große wirtschaftliche Krise in Weißrussland kommen immer mehr Kinder in Pflegefamilien oder Kinderhäuser, berichtet Swetlana Prozenko, die Leiterin der vom Bad Homburger Verein durch Spendengelder finanzierten Sozialstation. Viele Eltern meinen, dass ihre Kinder schuld an der Misere sind und behandeln sie entsprechend. Elf Mitarbeiter hat die Sozialstation und der Verein ist stolz, diese Arbeitsplätze in Tscherikow geschaffen zu haben. Das Waisenhaus in Tscherikow wurde von den Behörden in einen Kindergarten umgewandelt und so finden die geschundenen Kinder zunächst eine Unterkunft im Tscherikower Krankenhaus oder in Pflegefamilien. Derzeit gibt es im Landkreis Tscherikow 20 Pflegepersonen, auf die 39 Kinder verteilt sind. Eine davon ist Swetlana Kusnetsjowa aus dem Dorf Sorje, die fünf Pflegekinder hat. Dazu gehört die achtjährige Walja Dimytrijewa (Bild links, Mitte), die im Sommer in Bad Homburg zum Erholungsaufenthalt war. Zusammen mit Tamara Krawzowa (Bild links, links), einer Mitarbeiterin der Sozialstation, die früher Lehrerin in Verpryn war, einem Dorf, das heute noch radioaktiv hoch verstrahlt ist und deswegen dem Erdboden gleichgemacht wurde, besuchten Michael Grüning und Bernd Ehmler diese Pflegefamilie und sehen, dass die Kinder in einem sehr guten Zustand in einem ordentlichen Umfeld sind. Die Pflegefamilien werden von der Sozialstation von Swetlana Prozenko und ihrem Team ausgewählt. Sie müssen bestimmte Kriterien erfüllen, die den geschundenen Kindern langfristig ein familiäres Umfeld bieten. (Bild links: Pflegemutter Swetlana Kusnetsjowa aus Sorje mit ihren Pflegekindern Olga, rechts, Walja, Mitte) und Anja, 2.v.l., sowie Tamara Krawzowa, links, Mitarbeiterin derTscherikower Sozialstation. Insgesamt hat Swetlana fünf Pflegekinder. Bild rechts: Marina, rechts, mit ihrer Pflegemutter in Tscherikow.)

Die von Spendengeldern errichtete Sozialstation wurde eingeweiht
SozialstationSchluesseluebergabeHöhepunkt der Erkundungsfahrt von Michael Grüning und Bernd Ehmler war die Einweihung der Sozialstation in Tscherikow. Sie wurde ausschließlich durch Spendengelder komplett errichtet. Als „Psychologisches Zentrum“ werden hier problematische Familien betreut, um sie wieder auf den rechten Weg zu bringen. Die Leiterin Swetlana Prozenko und ihre Mitarbeiterinnen nehmen jeden Tag Hilferufe von verängstigten Kindern entgegen. Außerdem werden die Pflegefamilien und die Waisenkinder betreut. In das 120 Quadratmeter große Gebäude kommen auch viele Kinder, um zu basteln oder zu spielen.
Die stellvertretende Bürgermeisterin Angela Michailnowna erzählt, dass viele Kinder heute aufgrund der Perspektiv- und SozialstationHoffnungslosigkeit nicht lernen wollen, sich morgens nicht waschen und Zähne putzen und auch nichts frühstücken. „Vor dem Reaktorunglück war das anders“, ergänzt Tamara Krawzawa, „ die Leute Kinder in  dre Sozialstationwaren sauber, gingen ihrem Tagesablauf nach. Heute ist das anders. Die Leute sind sehr arm, bei vielen ist es dreckig.“
Feierliche Reden der stellvertretenden Bürgermeisterin (Bild links), der Schulrätin und der Leiterin der Sozialstation begleiteten die Eröffnungszeremonie. Ein großer Dank an alle Spender und an unseren Verein wurde ausgesprochen, bevor die Schlüsselübergabe an Swetlana Prozenko durch Michael Grüning erfolgte, der auch das rote Band am roten Teppich, der in die Sozialstation führte, durchschnitten hat. Es wurde zu Ehren der Spender und des Vereins ein SchildSchild an der Sozialstation befestigt. Darauf steht: „Dieses Gebäude wurde gestiftet für die Kinder des Kreises Tscherikow von Freunden aus der Stadt Bad Homburg in Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Verein Patenschaften für Tschernobylkinder Bad Homburg“.

(Bild unten links: Kinder in der Sozialstation zeigen uns nach der Eröffnungsfeier ihre Bastelarbeiten. Bild oben rechts: Schlüsselübergabe durch Michael Grüning an Swetlana Prozenko. Bild Mitte: Ein Kuchen und ein Bild nehmen Swetlana Prozenko und Michael Grüning stellvertretend für alle Spender aus Bad Homburg und Umgebung als Dank entgegen. Bild unten rechts: Swetlana Prozenko und Michael Grüning mit dem Schild, das an die Spender in Bad Homburg erinnert, die die Errichtung der Sozialstation in Tscherikow ermöglicht haben. Das Schild wurde am Gebäude angebracht.)

Unser nächstes großes Projekt: Ein Familienwaisenhaus  im Landkreis Tscherikow
Konsu20 ausgesuchte Pflegefamilien gibt es im Landkreis Tscherikow. Doch die Zahl der Kinder, die wegen unhaltbarer Zustände aus ihren Familien genommen werden müssen, steigt. Extrem hoch ist die Suizidrate der Kinder aus sozial ins Abseits gerutschten Familien. Deshalb möchte unser Verein ein Familienwaisenhaus errichten. Das ist das nächste große Projekt und Ziel unseres Vereins nach der Fertigstellung und Einweihung der Sozialstation. Zu diesem Zweck haben Michael Grüning (rechts) und Bernd Ehmler bei ihrer Reise Gespräche mit der stellvertretenden Tscherikower Bürgermeisterin Angela Michailnowna (3. von rechts), der Schulrätin Larissa Asmalowska (3. von links), Swetlana Prozenko (2. von rechts) und Michael Kaslowski vom Bad Homburger Partnerverein „Hoffnung für die Zukunft“ in Minsk (2.von links) geführt, um das Projekt auf den Weg zu bringen. Die stellvertretende Bürgermeisterin plädierte zunächst dafür, dass unser Verein in eine Behinderten-Schule in Tscherikow investieren sollte. Da der Verein jedoch in seinem Projekt eine Anzahl Kinder mit schwerer Behinderung betreut, liegt der Fokus auf der Hilfe und die Betreuung von Kindern, die aus sehr schlimmen Verhältnissen kommen. Die stellvertretende Bürgermeisterin wie auch die Schulrätin stimmten so nach mehrstündigen unserem Projekt zu. Mithilfe und Unterstützung wurde auch von Michael Kaslowski zugesichert. Derzeit wird nach einer geeigneten Immobilie gesucht, die für ein Familienwaisenhaus infrage käme. Hier ist man auf das Dorf Veremejki, 20 Kilometer von Tscherikow entfernt, gestoßen. Dieses größere Dorf ist im Gegensatz zu vielen anderen Dörfern im Landkreis Tscherikow noch „intakt“. Hier gibt es eine noch tätige Kolchose und eine Schweinemästerei, in der die Bewohner Arbeit finden. Das sieht man auch gleich am Erscheinungsbild des Dorfes, alles ist ordentlich und gepflegt.
Im Familienwaisenhaus werden bis zu acht Kinder bis zum 16. Lebensjahr von einer pädagogisch ausgebildeten Familie betreut, die für die Kinder ein Leben wie in einer richtigen Familie bietet. Es soll durch Spendengelder errichtet werden. Hierfür werden 80 000 Euro veranschlagt. In die Sozialstation wurden 62 000 Euro an Spendengeldern investiert. Das Personal wird vom weißrussischen Staat bezahlt, von den Behörden die Nebenkosten. Im Gegenzug wird das Gebäude vom Bad Homburger Partnerverein in Minsk über einen Zeitraum von zehn Jahren verwaltet, anschließend geht es in das Eigentum der Pflegefamilie über.
Der Verein Patenschaften für Tschernobylkinder Bad Homburg bittet um Spenden, um dieses für ihn so wichtige Projekt realisieren zu können. Wurden in der Vergangenheit vom Verein als Weihnachtsaktion kleinere Projekte vorgestellt, so ist es dieses Mal ein großes Projekt, was aber vielen Kindern zugute kommt.
Spenden können überwiesen werden an den Verein „Patenschaften für Tschernobylkinder Bad Homburg“, Stichwort „Familienwaisenhaus“ bei der Taunus-Sparkasse, Konto-Nummer 18004020, BLZ 512 500 00.  Ausführliche Informationen zum Projekt erteilt der 1. Vorsitzende Michael Grüning, Tel. 06172-399942, Fax: 06172-399708 oder E-Mail: michael.gruening(a)t-online.de.

Weitere Bilder zur Erkundungsfahrt findet man, wenn man hier klickt.